Markus von Ballmoos – Unser Vorstand im Dialog

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Vorstandspräsident Markus von Ballmoos im Interview

Neue Rolle, neuer Blick: Seit seiner Wahl im vergangenen Jahr ist Markus von Ballmoos Präsident von GS1 Switzerland. Daten, Standards und Zusammenarbeit, was lange als operatives Thema galt, wird zunehmend zur strategischen Frage. Im Gespräch gibt er Einblick in aktuelle Herausforderungen rund um Transparenz und Regulierung, schildert seine veränderte Perspektive und erklärt, welche Rolle GS1 in einer vernetzten Wirtschaft einnimmt.

«Resilienz entsteht heute im Netzwerk, nicht isoliert.» 

Herr von Ballmoos, Sie kennen GS1 Switzerland seit vielen Jahren als Vorstandsmitglied. Was sehen Sie heute, nach gut einem halben Jahr als Präsident, anders als früher?

In der Rolle des Präsidenten hat sich mein Blick geweitet. Ich sehe heute noch stärker, wie zentral GS1 als neutrale Plattform für den Dialog zwischen den unterschiedlichsten Anspruchsgruppen ist. Es geht nicht nur um Standards, sondern um Vertrauen, um Orchestrierung und um die Fähigkeit, gemeinsame Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln. GS1 wirkt dort, wo Unternehmen, Branchen und regulatorische Anforderungen aufeinandertreffen. Diese Orchestrierungsfunktion ist strategisch zentraler, als ich es zuvor wahrgenommen habe.

Ein Blick auf die strategischen Prioritäten zeigt, dass sich dadurch auch die Themen verschoben haben, die GS1 Switzerland und die Branchen aktuell beschäftigen. Welche Themen haben seit Ihrem Amtsantritt am stärksten an Bedeutung gewonnen, sowohl für GS1 Switzerland als auch branchenübergreifend?

Drei Themen sind mir besonders präsent: Datenqualität, Transparenz in Lieferketten und regulatorische Anforderungen. Die Dynamik rund um Nachhaltigkeit, Rückverfolgbarkeit und digitale Produktinformationen hat deutlich zugenommen. Gleichzeitig wächst der Druck auf Unternehmen, Daten strukturiert, verlässlich und standardisiert in Echtzeit bereitzustellen. Somit werden Standards nicht nur operativ relevant, sondern entwickeln sich auch strategisch zu einer Kernkompetenz.

Angesichts dieser strategischen Relevanz stellt sich die Frage, wie sich diese Entwicklungen im vergangenen Jahr ausgewirkt haben. Wie beurteilen Sie das Geschäftsjahr 2025 von GS1 Switzerland im wirtschaftlichen und strategischen Kontext?

In einem anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfeld hat sich GS1 Switzerland stabil und zukunftsorientiert positioniert. Strategisch sehen wir eine klare Entwicklung hin zu datengetriebenen Services und zu einer stärkeren Vernetzung der Ökosysteme. Wirtschaftlich ist es entscheidend, den Mehrwert für die Mitglieder sichtbar zu machen – insbesondere durch konkrete Anwendungsfälle und praxisnahe Unterstützung bei Transformationsprojekten.

Im Vorstand treffen Lebensmittel, Handel, Logistik, Transport und Gesundheitswesen aufeinander.  Was verbindet diese sehr unterschiedlichen Welten aus Ihrer Sicht und wo können Synergien genutzt werden?

Was alle Bereiche verbindet, ist die Notwendigkeit eines reibungslosen Informationsflusses entlang komplexer Wertschöpfungsketten. Ob Handel, Logistik oder Gesundheitswesen – ohne standardisierte Identifikations- und Datenaustauschmechanismen entstehen Medienbrüche, Ineffizienzen und Risiken. Genau hier liegt das verbindende Element. Synergien zeigen sich vor allem dort, wo ähnliche Herausforderungen bestehen: bei der Rückverfolgbarkeit, der regulatorischen Compliance oder der Integration neuer Technologien wie 2D-Codes oder dem Digitalen Produktpass.

Gerade diese gemeinsamen Herausforderungen machen deutlich, dass viele Unternehmen zwar digitalisieren, aber oft noch zu wenig vernetzt denken und handeln. Wo wird Kooperation über Unternehmensgrenzen hinweg zur entscheidenden Fähigkeit für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz?

Resilienz entsteht heute im Netzwerk, nicht isoliert. Globale Lieferketten, geopolitische Unsicherheiten und volatile Märkte zeigen, wie entscheidend Transparenz und abgestimmte Prozesse geworden sind. Kooperation wird insbesondere beim Datenaustausch, bei gemeinsamen Plattformen und bei Standardisierungsinitiativen zum Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die sich aktiv in Ökosysteme einbringen, können schneller reagieren und Innovationen skalieren.

Welche Bedeutung haben GS1-Standards heute im Kontext der digitalen Transformation? Wo werden sie zu einem strategischen Faktor, wie etwa im Datenaustausch, in globalen Lieferketten oder in regulatorischen Anforderungen?

GS1-Standards ermöglichen in globalen Lieferketten eine gemeinsame Sprache zwischen Systemen, Ländern und Branchen. Gerade im Kontext regulatorischer Anforderungen – etwa bei Nachhaltigkeitsnachweisen oder der Rückverfolgbarkeit – werden Standards zu einem strategischen Faktor. Sie reduzieren Komplexität, erhöhen Datenqualität und schaffen Vertrauen.

Künstliche Intelligenz, 2D-Codes, Digitaler Produktpass oder nachhaltige Lieferketten: all diese Entwicklungen basieren auf qualitativ hochwertigen und interoperablen Daten. Welche Rolle spielen standardisierte Datenstrukturen als Rückgrat zukünftiger Geschäftsmodelle, auch mit Blick auf den unternehmensübergreifenden Datenaustausch beispielsweise mit firstbase?

Künstliche Intelligenz ist nur so gut wie die Daten, auf denen sie basiert. Standardisierte und qualitativ hochwertige Datenstrukturen sind daher essenziell. Sie ermöglichen Automatisierung, prädiktive Analysen und neue datengetriebene Services.

Im Kontext unternehmensübergreifender Plattformen – beispielsweise mit firstbase – wird deutlich, wie wichtig gemeinsame Datenmodelle sind. Nur wenn Informationen strukturiert und eindeutig referenzierbar sind, lassen sich Mehrwerte wie der Digitale Produktpass, nachhaltige Lieferketten oder intelligente Logistiklösungen realisieren.

Diese übergreifende Perspektive auf Daten und Zusammenarbeit spiegelt sich auch in den Diskussionen auf strategischer Ebene wider. Welche Diskussion im Vorstand hat Ihre eigene Sicht auf Daten, Prozesse oder Zusammenarbeit besonders geprägt?

Besonders prägend sind für mich die Diskussionen darüber, wie unterschiedlich die Reifegrade der Digitalisierung in den Brachen sind – und wie wichtig es ist, niemanden zurückzulassen. Standards entfalten ihren Wert nur, wenn sie breit akzeptiert und verstanden werden. Das hat auch meine Sicht geprägt: Neben technologischer Innovation braucht es immer auch Aufklärung, Dialog und pragmatische Unterstützung bei der Implementierung.

Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie GS1 Switzerland in den kommenden Jahren? Welche Themen werden aus Ihrer Sicht an strategischer Relevanz gewinnen, insbesondere im Handel, in der Industrie oder im Gesundheitswesen?

Ich sehe GS1 Switzerland noch stärker als strategischen Partner für datenbasierte Ökosysteme. Themen wie 2D-Codes, digitale Produktpässe, automatisierter Datenaustausch, Nachhaltigkeitsreportings und KI-gestützte Prozesse werden weiter an Bedeutung gewinnen – im Handel ebenso wie in Industrie und im Gesundheitswesen. 

Unser Anspruch sollte sein, nicht «nur» Standards zu verwalten und zu reagieren, sondern aktiv zu gestalten – als neutrale Instanz, als Brückenbauer und als strategischer Partner der Schweizer Wirtschaft.

www.gs1.ch

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